Furcht in Neapel
Der Supervulkan bebt und brodelt
Die Phlegräischen Felder bei Neapel sind in der Nacht auf Donnerstag von einem heftigen Erdbeben erschüttert worden. Der Druck im Untergrund wird größer. Wie wahrscheinlich ist ein kurz bevorstehender Ausbruch?

© dpa/Alessandro Garofalo
Beben der Stärke 4,4 verbreitet Furcht: In Neapel fällt der Putz von den Hauswänden, viele verbringen den Rest der Nacht lieber draußen.
Von Dominik Straub
Das nächtliche Erdbeben mit einer Stärke von 4,4 ist sowohl in den Gemeinden der Phlegräischen Felder als auch in der Stadt Neapel mit ihren 900 000 Einwohnern gut spürbar gewesen. Hunderte rannten vor Schreck auf die Straße, viele zogen es vor, den Rest der Nacht in ihren Autos zu verbringen. Von den Fassaden fielen Putzstücke herunter; eine Frau wurde beim Einsturz eines Dachbodens verletzt.
Das Epizentrum lag nach Angaben des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) im Golf von Pozzuoli, dem Hauptort der Phlegräischen Felder, in rund zwei Kilometer Tiefe unter dem Meeresboden. Verursacht werden die Erdstöße nicht durch tektonische Verschiebungen, sondern durch einen Supervulkan mit einem Durchmesser von zwölf bis 15 Kilometern, der sich unter dem Gebiet befindet.
Boden hebt sich immer schneller
Laut einer Studie, die im Herbst 2024 publiziert wurde, steigen seit einigen Jahren flüssiges Gestein und Gase aus einer großen Magmakammer in acht Kilometer Tiefe in höher gelegene Schichten. Durch den starken Druck hebt sich der Boden des ganzen Gebiets, was zu Spannungen in der Erdkruste führt, die sich dann in sogenannten Schwarmbeben entladen. Beim jüngsten Erdbeben handelte es sich – zusammen mit einem gleich starken im Mai 2024 – um das stärkste seit Jahrzehnten in dem Gebiet.
Der Geophysiker und frühere Direktor des INGV, Giuseppe De Natale, zeigte sich am Donnerstag wenig überrascht: Tage zuvor hatte das INGV bekanntgegeben, dass sich die Geschwindigkeit, mit der sich der Boden in den Phlegräischen Feldern anhebt, in den vergangenen Wochen verdoppelt bis verdreifacht habe.
Derzeit hebt sich der Boden über dem Supervulkan um drei Zentimeter pro Monat, während der Durchschnitt im vergangenen Jahr bei ein bis 1,5 Zentimetern lag. Insgesamt hat sich der Boden des Gebiets um über zwei Meter gehoben. Es liege auf der Hand, dass bei einer solchen Dynamik Erdbeben häufiger und heftiger würden.
Die Wahrscheinlichkeit für einen bevorstehenden Ausbruch wird von Geophysikern und Vulkanologen unterschiedlich beurteilt. Laut De Natale deutet wenig auf eine Eruption hin. Der letzte verheerende Ausbruch, der das Klima auf der ganzen Welt verändert hatte, liegt 39 000 Jahre zurück. Dann folgten kleinere Ausbrüche, der letzte im Jahr 1538, als der Monte Nuovo entstand. „Vor diesem Ausbruch hatte sich der Boden während mehr als hundert Jahren angehoben, mit zum Teil sehr starken Erdbeben.“
Die Evakuierung muss auch geübt sein
In dem Gebiet leben rund 500 000 Menschen. „Die Phlegräischen Felder sind gefährlicher als der nahegelegene Vesuv; eigentlich müssten die Leute dort wegziehen“, sagt der Geologe und Wissenschaftsjournalist Mario Tozzi, der in seiner Sendung auf dem Staatssender RAI schon öfter vor den Gefahren gewarnt hat. Für den Fall eines Ausbruchs gebe es zwar Evakuierungspläne, aber einige Fluchtwege müssten erst noch gebaut und die Evakuierung geübt werden.
Die Pläne rechnen optimistisch mit einer Vorwarnzeit von 72 Stunden, aber das Problem sei ein anderes, betont Tozzi: „Sind wir sicher, dass die 500 000 Bürgerinnen und Bürger wissen, was sie in diesen 72 Stunden genau tun müssen, um das Gebiet verlassen zu können und einen Verkehrszusammenbruch zu verhindern?“
Ähnlich gefährlich schätzt der nationale Zivilschutzchef Fabio Ciciliano die Lage ein. Nach einem Erdstoß im Februar antwortete er auf die Frage, was bei einem Beben mit Stärke 5 passieren würde, lakonisch mit den Worten: „Dann stürzen die Häuser ein und wir zählen die Toten.“