Umstrittene Sanierungspläne

Deutsche Bahn prüft Werkschließungen

Beim Sanierungsprogramm S3 erwägt der verlustreiche Staatskonzern inzwischen auch die Aufgabe ganzer Standorte für die Instandhaltung von Zügen. Betriebsräte und Gewerkschaften sind alarmiert. DB Cargo will Wartungsaufträge teils ins günstigere Ausland verlagern.

Bei der Bahn kehrt keine Ruhe ein – im Gegenteil.

© dpa/Matthias Schrader

Bei der Bahn kehrt keine Ruhe ein – im Gegenteil.

Von Thomas Wüpper

Beim Sanierungsprogramm S3 der verlustreichen Deutsche Bahn AG wird inzwischen nach Informationen unserer Redaktion auch bundesweit die Aufgabe ganzer Werksstandorte geprüft. „Wir werden im Zuge der notwendigen Sanierung auch Werke schließen müssen“, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter der hochdefizitären Güterbahn DB Cargo unserer Zeitung und bestätigte entsprechende Vorhaben. Über die Einschnitte werde beraten, es gebe einen Prüfauftrag der DB-Spitze, aber bisher noch keine konkreten Beschlüsse.

Mitarbeiter sind beunruhigt, Betriebsräte und Gewerkschaften alarmiert. „Eine Reduzierung von Werkestandorten wird ganze Regionen schwächen, das Image der DB weiter beschädigen und nicht zuletzt die regionale Nachwuchssicherung erschweren“, heißt es in einer Resolution des Konzernbetriebsrats. Der Erhalt von Arbeitsplätzen müsse oberste Priorität haben, Werke dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Funktionierende Instandhaltung sei das Rückgrat zuverlässigen Schienenverkehrs.

Bahn will in die Gewinnzone kommen

Offiziell hält sich der Staatskonzern noch bedeckt. Die Aufgabe konkreter Werksstandorte der DB Cargo können man nicht bestätigen, sagte einer DB-Sprecherin unserer Redaktion. Bei S3 werde aber in den Handlungsfeldern Infrastruktur, Eisenbahnbetrieb und Wirtschaftlichkeit alles geprüft, was die Kundenzufriedenheit stärke und die finanzielle Tragfähigkeit der DB absichere.

Der Konzernbetriebsrat fordert vom Vorstand um DB-Chef Richard Lutz eine „ganzheitliche Werkestrategie“ und zeitnahe Beratungen. Der hoch verschuldete Staatskonzern, der in den letzten Jahren unterm Strich fast zehn Milliarden Euro Verluste eingefahren hat, will wieder in die Gewinnzone kommen und unter anderem 30 000 Stellen vor allem in der Verwaltung streichen.

Bis 2027 soll sich durch S3 das operative Konzernergebnis auf zwei Milliarden Euro verbessern und DB Cargo dazu dann 369 Millionen Euro beisteuern, wie interne Planungen für den Aufsichtsrat zeigen.

Zur Kostensenkung will die Güterbahn auch bei der aufwendigen Instandhaltung sparen, die Strukturen straffen und die Wartung von Loks und Waggons teils in billigere Werke jenseits der Grenzen verlagern, wie ein Insider bestätigt.

In Europa hat DB Cargo noch ein Dutzend eigene Werke, allein fünf in Polen, Rumänien und Bulgarien. In Deutschland unterhält das Unternehmen bisher noch das größte Instandhaltungsnetzwerk der Branche mit weiteren elf Werken, 15 Außenstellen und 58 mobilen Teams. Im Südwesten hat DB Cargo Werke in Mannheim, Mainz-Bischofsheim und Saarbrücken sowie Außenstellen in Kornwestheim und Offenburg.

Als ein gefährdeter Standort gilt Senftenberg (Brandenburg), in der Außenstelle werden Elektro-, Diesel- und Rangierloks sowie Güterwagen von 25 Fachleuten gewartet und instandgesetzt. Am großen Standort Halle an der Saale mit seinen Außenstellen wurden allein in den letzten zweieinhalb Jahren rund 800 der zuvor noch übrigen 2400 Jobs gekappt. Auch im Werk Paderborn wächst die Unruhe unter den fast 700 Beschäftigten, weil die DB Cargo umfangreiche Wartungsaufträge für Güterwagen abziehen und an eigene Standorte verlagern will. Das sorgt auch konzernintern für Konflikte zwischen den Sparten.

Denn das Werk Paderborn gehört zur DB Fahrzeuginstandhaltung (FZI), die zum Konzernbereich Technik von Vorständin Daniela Gerd tom Markotten zählt und mit fast 9000 Mitarbeitern hauptsächlich die Personenzüge wartet. Auch die rund ein Dutzend Werke der FZI seien von der bundesweiten Überprüfung der Standorte betroffen, heißt es im DB-Konzern. Fast alle Werke haben eine lange Tradition und bestehen seit mehr als hundert Jahren. Mehrfach gab es seit der Bahnreform 1994 bereits umstrittene Umstrukturierungen und Einsparungen.

Bei DB Cargo berät in dieser Woche der Aufsichtsrat erneut die schwierige Lage. Bisher schreibt die größten Güterbahn Europas weiterhin tiefrote Zahlen, wie bereits seit mehr als zehn Jahren. Im ersten Halbjahr 2024 machte DB Cargo 261 Millionen Euro Verlust. 2023 musste der DB-Konzern ein Minus von 563 Millionen Euro ausgleichen, ein Jahr zuvor sogar 729 Millionen Euro. Die EU-Kommission hat die unerlaubten Finanzhilfen inzwischen untersagt. DB Cargo muss bis Ende 2026 rentabel werden, sonst drohen Rückzahlungen von 1,9 Milliarden Euro, was das Ende des Unternehmens bedeuten könnte. Vorstandschefin Sigrid Nikutta will daher 5000 Stellen und damit fast jeden sechsten der europaweit noch 31 000 Jobs streichen. Statt des versprochenen Wachstums muss Nikutta nun einen Schrumpfkurs durchsetzen, was auf Widerstand stößt.

Wird die DB Cargo abgewickelt?

Schon vor einem Jahr gingen rund 500 Betriebsräte des Staatskonzerns auf die Straße, um gegen den „Kahlschlag“ bei DB Cargo zu protestieren. Auch die Ablösung von Nikutta wurde gefordert.

Die Gewerkschaft GDL befürchtet, dass DB Cargo nicht saniert, sondern abgewickelt werden soll. „Am Ende könnte eine Logistikfirma stehen, die kaum noch eigene Züge fährt“, sagte der GDL-Vorsitzende Mario Reiß unserer Redaktion. Das Tafelsilber werde bereits verkauft, so würden bereits Loks verkauft, die nur bei Bedarf zurückgemietet werden sollen. Zudem gebe es bereits massiven Stellenabbau, Lokführer würden freigestellt und Arbeit bleibe liegen. Der Marktanteil und die Verkehrsleistung von DB Cargo seien auch voriges Jahr weiter gesunken.

Laut internen Konzernunterlagen wird der Stellenabbau vor allem die deutschen Werke treffen. Europaweit soll die Beschäftigtenzahl von DB Cargo demnach um 4600 auf noch 25 600 im Jahr 2027 sinken. Das sind fast 5000 Jobs weniger als noch in früheren Planungen vorgesehen. In Deutschland soll DB Cargo bis Ende 2027 nur noch rund 15 000 Mitarbeiter haben, 3400 weniger als bisher.

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Erstellt:
18. März 2025, 13:54 Uhr

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