Die Arbeit am Miteinander und Füreinander
Das Zentrum der Vielfalt in Murrhardt besteht mittlerweile ein Jahr – seitdem bringen sich hauptamtliches Team und Ehrenamtliche in verschiedenen Lebens- und Alltagsbereichen von Stadt und Umkreis ein. Es gibt neue Projekte, die zentrale Anliegen weiter voranbringen sollen.

© Stefan Bossow
Volles Haus im Zentrum der Vielfalt in Murrhardt: Jochen Schneider (hinten Mitte) begrüßt Vertreter von Stadt und Gemeinderat genauso wie Engagierte und dem Vifa Verbundene – und zieht Bilanz mit Blick auf das einjährige Bestehen. Fotos: Stefan Bossow
Von Christine Schick
Murrhardt. Bei der Feier zum einjährigen Geburtstag in den Räumen ganz in der Nähe des Murrhardter Marktplatzes kommen viele der Engagierten, Kooperationspartner und Gäste zusammen. Das Zentrum der Vielfalt (Vifa) war Ende Februar 2024 mit dem Wunsch und der Vision angetreten, zu einer Keimzelle des Ehrenamts und Engagements in Murrhardt und Umgebung zu werden. Für Jochen Schneider von Pyramidea, der das hauptamtliche Team leitet, wurden diese Erwartungen teils sogar übertroffen – so seine Bilanz mit Blick auf das erste Jahr. Es gab viele Projekte aus dem Bereich der Integrations-, Flüchtlings- und Demokratiearbeit, über die Engagierte im Zentrum der Vielfalt in ganz verschiedenen Lebens- und Alltagsbereichen von Stadt und Umkreis mitgewirkt haben. Angefangen bei der Murrhardter Markungsputzete mit über 40 Beteiligten über zwölf Angebote beim Sommerferienprogramm, einen Stand beim Weihnachtsmarkt bis hin zu Kursen, bei dem eine Syrerin Käseherstellung vermittelt (wir berichteten).
Handyrepaircafé und gegenseitige Hilfe
Mit dem Projekt der lebendigen Bibliothek, bei dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten als Gesprächspartner zur Verfügung standen und über das es eine begleitende Filmdokumentation geben wird, bereicherte der Verein den Austausch ebenfalls. Weitere Beispiele sind das Handyrepaircafé eines Ukrainers, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, oder eine Gruppe von Ukrainerinnen, die sich als Frauen gegenseitig unterstützen.
Diese und viele weitere Projekte sind durch einen Pool an 60 bis 70 ehrenamtlich engagierten Menschen aus ganz verschiedenen Ländern wie der Türkei, Tunesien, dem Iran, Afghanistan, Syrien oder der Ukraine möglich. Zurzeit werden sie von einem hauptamtliche Team mit 4,5 Vollzeitstellen unterstützt, das inklusive und interkulturelle Arbeit im Zentrum sowie an einem zweiten Standort mit Räumen in der Unteren Schulgasse leistet. Dabei ist die Besonderheit, dass es keine laufende Finanzierung gibt, sondern jedes Projekt über spezifische Zuschüsse von Bund, Land, Stiftungen oder kirchlichen Trägern gestemmt werden muss. „Das heißt, das ist immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Im Alltag während der Arbeit müssen wir schon parallel überlegen und planen, wo wir neue finanzielle Unterstützung erhalten können“, sagt Jochen Schneider.
Für das hauptamtliche Team bedeutet das, durch neue Ideen und Projekte die Arbeit auch künftig zu sichern. Mittlerweile ist eine Reihe neuer Vorhaben, die vom Land und verschiedenen Stiftungen gefördert werden, angelaufen oder in Vorbereitung. Zu ihnen gehört das Vifa-IncluAction-Team, das inklusive Freizeitangebote für Menschen aller Altersstufen machen möchte. Für Menschen, die auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, braucht es für Ausflüge bestimmte Voraussetzungen – vom Zug ohne alten Treppenaufstieg über Fahrstühle am Bahnhof bis hin zur Zugänglichkeit beispielsweise eines Museums. „Wir wollen so auch erarbeiten und erkunden, was man barrierefrei gemeinsam machen kann“, sagt Schneider.
Beim Projekt „Alle Kinder, alle Eltern“ stehen Familien mit Fluchterfahrung im Mittelpunkt. Es geht darum, Eltern zu informieren und zu beraten, um Unterstützungsmöglichkeiten beispielsweise durch das Jugendamt aufzuzeigen sowie Kinderrechte und Erziehung in den Blick zu nehmen. „Das sind auch Aspekte wie zu erklären, dass es wichtig ist, bei einem Elternabend dabei zu sein, weil die Schulen sich mit den Müttern und Vätern austauschen wollen.“
Niederschwelliges Angebot für Ältere
„Altersreich“ widmet sich älteren Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Das Anliegen: gegen Einsamkeit und (drohende) Armutserfahrungen zu wirken, ohne die Menschen dabei zu stigmatisieren. Brücken sollen durch ein niederschwelliges Angebot geschlagen werden – ein Cafétreffen, bei dem Menschen ab 60 Jahren zusammenkommen können. Durch die Begleitung einer afghanischen und ukrainischen Mitarbeiterin sollen auch die sprachlichen Hürden nicht zu hoch und neben kleinen Informationsimpulsen auch die eine oder andere gemeinsame Aktivität möglich sein.
Das Projekt „Weltfrauen“ möchte über gemeinsame Aktivitäten von Landfrauen sowie Frauen aus anderen Ländern Anknüpfungspunkte schaffen. Als Nachfolgeprojekt für „Ehrenamt treibt Wurzeln“ läuft Anfang April „M hoch 3“ an, das für „Mutig mitmachen in Murrhardt“ steht und mit dem das bürgerschaftliche ehrenamtliche Engagement von Geflüchteten unterstützt wird. Dieses Projekt ist für das Team und das Zentrum wichtig, um Brücken schlagen zu können und mit der Arbeit sichtbar zu werden. Insbesondere die Auszeichnung mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis und dem baden-württembergischen Jugendbildungspreis 2024 zeigt, dass die Arbeit von Vifa und Pyramidea auch überregional als wertvoll und vorbildhaft gesehen wird.
Aktuelle Debatte und Verunsicherung
Die Jury des Deutschen Nachbarschaftspreises hob damals hervor: „Der Verein aus dem Rems-Murr-Kreis stärkt auf herausragende Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit einem Fokus auf Integration und Inklusion schafft Pyramidea kreative Begegnungsräume, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, insbesondere Geflüchtete und Menschen mit Behinderung, ihre Fähigkeiten einbringen können, sich gegenseitig unterstützen und so das Miteinander gestalten.“
Doch auch die Wertschätzung durch Auszeichnungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeiten für die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht einfach sind und Spuren hinterlassen haben. „Ich finde, bei der aktuellen Debatte wird oft vergessen, dass wir hier über Menschen sprechen“, sagt Jochen Schneider beim Geburtstagstreffen. Die Diskussionen während des Wahlkampfs um Migrationspolitik und Asylrecht hätten bei den Betroffenen auch große Verunsicherung ausgelöst. Die Auswirkungen seien greifbar, es gebe Anfeindungen auf der Straße, auch in Murrhardt. Jochen Schneider erinnert auch daran, dass sich Verein und Team für die Demokratie einsetzen.
Bürgermeister Armin Mößner lässt an dem gemeinsamen Abend keinen Zweifel daran, dass das Engagement und die Arbeit von Pyramidea wertvoll und wichtig für die Kommune und die Menschen sind. „Sie tragen zu einem guten Miteinander bei und sind Ansprechpartner für die Menschen, die nach Murrhardt gekommen sind, unterstützen bei einer Hilfe für Selbsthilfe.“ Nicht zuletzt habe dadurch der Integrationsbeirat wiederbelebt werden können. Und Ines Loubiri (Tunesien) und Alexandra Didenko (Ukraine) bekräftigten stellvertretend für viele Engagierte, wie wichtig Pyramidea als Anlaufstelle für sie war und ist.

© Stefan Bossow
Das Zentrum der Vielfalt hat in der Hauptstraße unweit des Marktplatzes seinen Sitz.
Vifa 2 Das Zentrum der Vielfalt hat mit Räumen in der Unteren Schulgasse 8, auch als Vifa 2 bezeichnet, die Möglichkeit, Treffen für kleinere Gruppen sowie Einzel- und Familienberatungen anzubieten. Ute Eilers erläutert bei einer kurzen Stippvisite, dass dazu auch die Begleitung geflohener Familien mit emotionalen Belastungen und traumatischen Erfahrungen gehört, die im Projekt „Pyramidea for Hope: Angekommen aufgefangen“ geleistet wird. Im Mittelpunkt steht, die psychische Gesundheit zu fördern, beispielsweise über Informationsangebote wie Vorträge und Kurse oder Aktivitäten, die Ablenkung, Erholung und Entspannung von den Herausforderungen des Alltags bieten.
Infos Auf der Homepage von Pyramidea finden sich weitere Infos zu Projekten und Ansprechpartnern sowie der Entwicklungsgeschichte des Vereins: https://pyramidea.de