Auftakt Internationales Bachfest in Stuttgart

Ein Konzert der Superlative

Die Bachakademie hat mit der Matthäuspassion im Beethovensaal ihr neues Stuttgarter Musikfestival eröffnet. Das Publikum ist ganz aus dem Häuschen.

Hans-Christoph Rademann beim Eröffnungskonzert

© Bachakademie/Holger Schneider

Hans-Christoph Rademann beim Eröffnungskonzert

Von Verena Großkreutz

Diesem Evangelisten möchte man nicht widersprechen. Wenn jemand glaubensfest ist, dann er. Der Tenor Daniel Johannsen singt seine Partie nicht als distanzierter Berichterstatter, sondern als Mensch Matthäus: emotional involviert, anklagend, auch scharf denkend und für seine Sicht auf die Leidensgeschichte und das Sterben Jesu vehement einstehend. Er singt ihn glasklar artikuliert und rein intoniert, mit ausdeutenden scharfen, wütenden Spitzen in der Höhe. Singt er nicht, hört er andächtig, mit geschlossenen Augen, in die Choräle und andere Botschaften hinein. So ein Interpret ist schon die halbe Miete in Bachs Matthäuspassion, mit der Hans-Christoph Rademann, die Gaechinger Cantorey mit vielen Solistinnen und Solisten jetzt das erste Bachfest der Stuttgart Bachakademie eröffneten. Johannsens subtil gestaltender, immer auch textausdeutender Stimme kann man auch in den Weiten des Beethovensaals nicht entgehen.

Das schreckt wahrlich auf

Aber auch sonst hat das Konzert Superlative zu bieten. Rademann hat die von Bach vorgesehenen je zwei Chöre und Orchester links und rechts der Bühne und sich gegenüberstehend positioniert. Das ist sehr klug, was das wunderbar plastische, lebendige mitreißende, ja stereofone Klangergebnis angeht. Hier dürfen sich die Errungenschaften historischer Aufführungspraxis instrumental auf Schönste entfalten: Luzide ist der musikalische Fluss, alles rhetorisch deutlich geformt, warm und farbig der Grundklang, ergreifend die vielen Instrumentensoli in den Arien. Sehr detailreich fordert Rademann atmende Phrasierungen ein.

Was die plastische Gestaltung der Ereignisse angeht, ihre Dramatik, setzt Rademann – hier mehr Klangregisseur als Dirigent – auch auf krasse dynamische Kontraste. Geradezu theatral gelingt die sehr fein gemalte „Szene“ der Gefangennahme Jesu: wenn ins innig und introvertiert trauernde Arienduett von Altus und Sopran, „So ist mein Jesus nun gefangen“, grundiert von zart getupften Streicherklängen, plötzlich der Chor fortissimo hinein blitzt: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“. Das schreckt wahrlich auf.

Der Chor gibt alles – das Publikum ist aus dem Häuschen

Unter den vielen Solisten und Solistinnen, die alle auch in den Chören mitsingen, ragen vor allem hervor der Altus Alex Potter mit großem Volumen und emotionaler Durchdringung, die Sopranistin Miriam Feuersinger, die zwar im leisen Bereich nicht immer deutlich zu hören ist, aber ansonsten über Farben verfügt, die direkt ins Herz treffen. Außerdem die warmen, wohlklingenden Bassstimmen von Tobias Berndt und Matthias Winckhler, der die Partie des Jesus recht abgeklärt gibt und damit eher in die johanneische Richtung geht. Und weil auch der Chor alles gegeben hat – von perfekt intonierten, satt und farbig gesungenen Chorälen bis hin zu den dramatischen Turba-Chören und -Fugen – ist das Publikum am Ende zurecht aus dem Häuschen.

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Erstellt:
10. März 2025, 15:50 Uhr

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