Neu im Kino: „Beating Hearts“

Ein Liebesfilm wie ein Kinnhaken

„Romeo und Julia“ kennt jeder. Gilles Lellouches unglücklich wildes Liebespaar Jackie und Clotaire in seiner Kinoromanze „Beating Hearts“ hat man so aber noch nicht gesehen.

Mallory Wanecque (re.) als Jackie und Malik Frikah als Clotaire in „Beating Hearts“

© picture alliance/dpa/StudioCanal

Mallory Wanecque (re.) als Jackie und Malik Frikah als Clotaire in „Beating Hearts“

Von Kathrin Horster

Wer heißt schon Clotaire? Wie peinlich, lästert Jackie (Mallory Wanecque), und schielt dennoch angetan nach dem Träger dieses Namens. Der ist 18, gut aussehend und besucht wie die zwei Jahre jüngere Jackie eine Mittelschule in Nordfrankreich. Es sind die Neunziger, mit seinem raspelkurz geschorenem Haar und lässigem Jeanslook könnte Clotaire (Malik Frikah) einer Calvin-Klein-Werbung entsprungen sein. So schön Clotaire ist, so wenig hat er Bock auf Schule. Jackie ist strebsamer, aber frech wie Oskar, weshalb sie zuletzt von ihrer Nonnenschule flog. Nun reizt sie ihren neuen Französischlehrer zur Weißglut, weil der die Fabeln La Fontaines analysiert. Das sei doch was für Grundschüler, findet Jackie.

Umwerfend schmerzhaft und deshalb so gut

Der französische Schauspieler Gilles Lellouche weiß, wie Teenager ticken, das beweist er eindrucksvoll in seiner wilden Romanze „Beating Hearts“, die im französischen Original den viel schöneren Titel „L’ amour ouf“ trägt. „Ouf“ bedeutet in der die Silben verdrehenden französischen Jugendsprache „fou“, also verrückt. „Ouf“ klingt aber auch lautmalerisch wie „Uff“, nach einem Kinnhaken oder Schlag in die Magengrube, was dieser pralle, drei Stunden lange Film ganz oft ist; ein Hieb mitten auf die Zwölf, umwerfend schmerzhaft und deshalb so gut.

Zu Beginn begegnet man Clotaire und Jackie schon einmal, als Erwachsene. Lellouche steigt mit einer heftigen Nachtszene in einem Lagerhaus ein. Clotaire (nun gespielt von François Civil) ist da Mitte Zwanzig, verwickelt in einen Kampf auf Leben und Tod. Das Quietschen von Autoreifen, Schreie, Schläge, schließlich Schüsse – und ein lebloser Körper über dem Lenkrad. Dazwischen rennt die erwachsene Jackie (Adèle Exarchopoulos) eine Straße entlang, verheult und verrotzt.

Die Klassenunterschiede können die Liebenden nicht trennen

Aus dieser Exposition springt Lellouche zurück in die Kindheit von Clotaire (als Achtjähriger: Louis Raison) und Jackie (als Sechsjährige: June Benard Gourion), die nach dem Unfalltod ihrer Mutter von ihrem liebevollen, aber überforderten Vater (Alain Chabat) aufgezogen wird. Im Gegensatz zum behüteten Einzelkind aus der feineren Mittelschicht lebt Clotaire in einfachen Verhältnissen mit mehreren Geschwistern, um die sich der Vater (Karim Leklou), ein Fabrikarbeiter, kaum kümmern kann. Diese Lebenshintergründe könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch finden Jackie und Clotaire als Teenager zusammen, ein inniges Liebespaar, trotz oder gerade wegen der sie trennenden sozialen Hintergründe.

Im Kern funktioniert „Beating Hearts“ wie eine moderne Romeo-und-Julia-Variante. Auf Basis eines Romans des irischen Schriftstellers Neville Thompson fabuliert Lellouche seine Romanze über zwei Dekaden hinweg, erzählt von den ersten Funken zwischen Jackie und Clotaire, bis Clotaire in eine Bande hinein gezogen wird und immer tiefer in den Strudel von Kriminalität und Gewalt gerät, während Jackie sich zunehmend unter Wert verkauft – aus Verachtung über die bürgerliche Moral, die sich ein Underdog wie Clotaire nicht leisten kann, weil der im Schulsystem Unterschätzte meint, sein Brot nur in der Illegalität verdienen zu können.

Trotz der Verankerung der Liebenden in unterschiedlichen Klassen geht es Lellouche jedoch nicht um soziale Anklage. Clotaire und Jackie sind zwei leidenschaftliche Dickschädel, die mit der Faust immer noch Wände einschlagen wollen, obwohl die Knöchel schon brechen und bluten.

Genialer Soundtrack

In Shakespeares „Romeo und Julia“ heißt es, das Paar sei „Unstern bedroht“, und auch bei Lellouche entscheidet ein eigensinniges Schicksal darüber, dass Clotaire zu Unrecht wegen eines Verbrechens inhaftiert und von der ihn stützenden Jackie entfremdet wird. Die versucht mit einem wohlhabenden Schnösel ein neues Leben anzufangen, doch wie bei Shakespeares Julia, die den Grafen Paris heiraten soll, geht der Selbstbetrug nicht gut, die Liebe zu Clotaire wütet weiter in Jackie. Lellouche kniet sich tief in dieses Herzeleid, darüber hinaus porträtiert er mit Humor und brillanter Beobachtungsgabe Clotaires Gangsterumfeld; mit dem fabelhaften Benoît Poelvoorde als kriminellem Ziehvater, der seine Vorliebe für sentimentale Chansons in miesen Gesangseinlagen bei Hochzeiten zum Besten gibt.

Überhaupt wäre „Beating Hearts“ ohne seinen Soundtrack mit Popsongs der 80er- und 90er-Jahre nur halb so gut. Eine wichtige Rolle spielt ein von Clotaire für Jackie aufgenommenes Mixtape, mit der Schmachtballade „Nothing Compares 2 U“, in der Ursprungsversion von Prince. Bei Shakespeare und auch im Song von Prince geht die Sache mit der Liebe nicht gut aus. Ob Jackie und Clotaire mehr Glück haben?

Beating Hearts. Frankreich, Belgien 2024. Regie: Gilles Lellouche. Mit Adèle Exarchopoulos, François Civil. 166 Minuten. Ab 16 Jahren.

Mit Shakespeare fing es an

Stück Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ feierte im Jahr 1597 Premiere, seitdem ist der Stoff um zwei unglücklich liebende Teenager nicht mehr wegzudenken aus Literatur, Musik, Malerei – und dem wesentlich jüngeren Medium Film.

Buch 1997 veröffentlichte der Ire Neville Thompson seinen Roman „Jackie Loves Johnser OK?“, den Gilles Lellouche frei adaptiert. Während Thompson seine Handlung auf wenige Tage beschränkt, folgt Lellouche dem Paar über Jahrzehnte.

FilmDer Franzose Gilles Lellouche ist bisher vor allem als Schauspieler bekannt, zuletzt war er in „Asterix und Obelix im Reich der Mitte“ (2023) als Obelix und in Quentin Dupieux’ Farce „Daaaaali!“ (2023) als titelgebender Maler zu sehen. Lellouches zweiter Langspielfilm „Beating Hearts“ lief 2024 im Hauptwettbewerb beim Filmfestival von Cannes.

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Erstellt:
26. März 2025, 11:52 Uhr

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