Fotoschau „Stand Up!“ in der Staatsgalerie Stuttgart

Frauen, sprengt die Fesseln!

Gefesselt, verletzt, unterdrückt, belächelt, aber immer männlicher Begierde ausgesetzt – Mitte der 1960er Jahre haben Frauen allen Grund, aus- und aufzubrechen. Auch in der Kunst? Über eine großartige Fotoausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie

Birgit Jürgenssen, Frau

© © Estate Birgit Jürgenssen /Sammlung Verbund, Wien

Birgit Jürgenssen, Frau

Von Nikolai B. Forstbauer

Eine Frau kniet auf dem Boden eines Hochhausflurs und fährt mit dem Bügeleisen über den glänzenden Grund. Das Kabel endet am linken Bein, der Stecker liegt aufreizend genug da, um deutlich zu machen, dass die Szene ein Sinnbild ist. Renate Eisenegger konzipiert diese Szenerie an der Grenze zwischen Foto und Performance im Jahr 1974.

Ein Jahr später bietet Kirsten Justessen mit „Lunch“ eine nackte Frau in einem über eine leere Landstraße rollenden Einkaufswagen an. Ein für sich schon starkes Doppel, das in der Staatsgalerie Stuttgart inmitten eines großartigen Panoramas eindringlicher Kunst mit Fotografie zu sehen ist.

„Stand Up! Feministische Avantgarde. Werke aus der Sammlung Verbund“ heißt die Schau in der Staatsgalerie, die schon zur Eröffnung am vergangenen Wochenende großes Interesse fand. Das Konzept der Staatsgalerie, die Räume im Altbau-Erdgeschoss unter dem Namen „The Gällery“ zu einem hauseigenen Museum für Fotografie zu machen, geht nicht nur bestens auf, sondern beschert auch viele neue Besucherinnen und Besucher.

„Stand Up!“ wird diese Entwicklung weiter beflügeln – als hoch konzentrierter und ungemein qualitätvoller Blick in eine tatsächlich einzigartige Sammlung. 2004 durch das Unternehmen Verbund, dem größten Energieerzeuger Österreichs, gegründet, gilt die Aufmerksamkeit der Gründungsdirektorin Gabriele Schor gänzlich einer in den frühen 1970er Jahren einsetzenden radikalen Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft.

Spiegel des Aufbruchs

Als Spiegel des politischen Aufbruchs und fraglos beflügelt durch dessen Versuch eines Ausbruchs aus purer West-Ost/Ost-West-Gegnerschaft, fordern junge Künstlerinnen das Sprengen aller realen und empfundenen Ketten und eine bewusst extreme Subjektivität. Der auf den Texttafeln in den „The Gällery“-Sälen gern wiederholte Satz „Sie rebellieren gegen die eindimensionale Rollenzuweisung als Hausfrau, Ehefrau und Mutter“ offenbart jedoch eine kommunikative Schwäche im Umgang mit den großartigen künstlerischen Äußerungen: eine dominante West-Sicht.

Die Frau gebiert eine Waschmaschine

Der Präsentation in der Staatsgalerie (erarbeitet von Gabriele Schor für die Sammlung Verbund und von Sandra-Kristin Diefenthaler für die Staatsgalerie) gelingt indes von Beginn an Bemerkenswertes. Die Stars Ulrike Rosenbach, Cindy Sherman, Martha Rosler und Valie Export bestimmen mit ihren Werken nicht den Rhythmus dieser Ausstellung. Mehr noch: Die Schau ermöglicht insbesondere bei Cindy Sherman einen Blick in den jeweiligen künstlerischen Kern, bei Sherman in das Zeichnungshafte einer in Serien denkenden Künstlerin.

Und so kommt natürlich die Sammlung Verbund nicht an Valie Exports „Geburtenmadonna“ vorbei (eine Frau sitzt auf einer Waschmaschine, aus der blutgetränkte Wäsche quillt) – jedoch ist da eben auch die fast sezierend kühle Ironie von Renate Eisenegger in „Isolamento“ oder die spielerische Leichtigkeit von Birgit Jürgenssen, die doch den Charakter einer Anklage nur unterstreicht. Die Schürze der Ich-bin-alles-Frau ist zugleich Ausklappherd – und der weibliche Körper damit eine Art beliebig erweiterbare Werkbank.

Jürgenssen zeigt sich in dieser Bestandsaufnahme kaum beschwert. Ihre „Frau“ macht sich denn auch selbst doppelt zur Skulptur – als sich selbst konstruierende Figuration wie als konzeptuelle Skizze dessen, was ist. „Frau“ lesen wir, Frau sehen wir. Solche Überlagerungen von Tänzeln mit Methode und sezierenden Schnitten kennt man auch von Ulrike Rosenbach – und tatsächlich ist ihre frühe Umkehrung eines fast archetypischen Andy Warhol-Motivs (der schussbereite Cowboy-Elvis) in ein Frauen-Doppel („Art is a criminal action No. 4“, 1969) weit mehr als Ironie. Kunst hebelt hier die männliche Machtdemonstration aus. Ganz übrigens im Sinn der 2003 früh gestorbenen Birgit Jürgenssen, wenn diese schreibt: „Die Problematiken und Fragen in der feministischen Bewegung in den Siebzigern haben sich zu denen der Achtziger gewandelt. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich heute Frauen in allen Bereichen der Kunst ausdrücken, ist eine andere, eine positive. Das hat auch mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, da sich das Rollenbild der Frau geändert hat.“

Außergewöhnliche Schau

Mehr als 1000 Arbeiten umfasst die Sammlung Verbund heute, 140 Werke sind nun in der Schau „Stand Up! Feministische Avantgarde. Werke aus der Sammlung Verbund“ in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Es ist eine außergewöhnliche Schau – mit einer Werkauswahl, die sich bis hinein in die ungemein sorgsame und immer wieder überraschende Präsentation keine Schwächen erlaubt.

Gefesselt, verletzt, unterdrückt, belächelt, aber immer männlicher Begierde ausgesetzt: Mitte der 1960er Jahre haben Frauen allen Grund, aus- und aufzubrechen. Die Kunst mit Fotografie ist hierfür offenbar ein idealer Verstärker.

Ausstellung bis zum 22. Juni 2025

„Stand Up!“ – Daten und Preise

Die Ausstellung „Stand Up! Feministische Avantgarde. Werke aus der Sammlung Verbund, Wien“ ist in der Staatsgalerie Stuttgart (The Gällery, Konrad Adenauer-Straße 40-42) bis zum 22. Juni zu sehen – Dienstag bis Sonntag (10 Uhr bis 17 Uhr), Donnerstag 10 Uhr bis 20 Uhr. Die Ausstellung „Stand Up!“ wird nach ihrer Laufzeit in Stuttgart Station im Sprengel Museum Hannover (5. Juli bis 28. September) und im

TicketsFür „Stand up!“ kosten die Eintrittskarten zehn Euro (ermäßigt acht Euro). Diese berechtigen auch zum Besuch der Sammlung der Staatsgalerie mit Kunstwerken aus 800 Jahren.

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Erstellt:
25. März 2025, 11:34 Uhr

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