Neu im Kino: „Für immer hier“

Für immer weg

Nach wahren Begebenheiten: Im gerade mit dem Oscar für die beste internationale Produktion ausgezeichneten Film „Für immer hier“ macht sich die brasilianische Politikergattin Eunice Paiva auf die Suche nach ihrem während der Militärdiktatur verschwundenen Mann.

Fernanda Torres ist für die Rolle der verzweifelten Ehefrau  als beste Schauspielerin in der Kategorie Drama mit dem Golden Globe ausgezeichnet worden – sie war auch für den Oscar nominiert.

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Fernanda Torres ist für die Rolle der verzweifelten Ehefrau als beste Schauspielerin in der Kategorie Drama mit dem Golden Globe ausgezeichnet worden – sie war auch für den Oscar nominiert.

Von Martin Schwickert

Wie sieht Glück aus? Die Beantwortung dieser Frage führt im Kino oft mitten ins Klischee vermeintlich perfekter Harmonie. Walter Salles zeigt zu Beginn seines Films „Für immer hier“, der gerade mit dem Oscar für die beste internationale Produktion ausgezeichnet wurde, das Glück einer Familie in vielen kleinen Szenen des alltäglichen Miteinanders.

Eunice Paiva (Fernanda Torres) und ihr Mann Rubens (Selton Mello) wohnen in Rio de Janeiro des Jahres 1971 mit ihren fünf Kindern nur ein paar Meter von der Copacabana entfernt. Die Nähe zum offenen Meer spiegelt die Offenheit des Heims, in dem nicht nur die Töchter und Söhne im Alter von 11 bis 18 Jahren herumwuseln, sondern auch zahlreiche Freunde ein- und ausgehen. Vom Strand laufen die Kinder barfuß über die Straße direkt ins Wohnzimmer hinein.

Jugendliche Mädchen tanzen zu „Je t’aime“ von Serge Gainsbourg. Eine große Runde aus Erwachsenen und Kindern versammelt sich am Tisch um ein dampfendes Soufflé. Der Vater fordert seine älteste Tochter zum Tanz auf, die demnächst zum Studium nach England aufbricht. Ein Gruppenfoto am Strand, auf dem alle in die Sonne lächeln, verewigt den Moment selbstverständlichen Glücks.

Die Szenen und Bilder dieser ersten halben Filmstunde sind von Wärme, Licht, Geborgenheit und Lebendigkeit durchdrungen und bilden den Energiespeicher, auf den die Figuren des Films und auch das Publikum im Saal ihre Kraft für die kommenden Herausforderungen schöpfen. Denn auch wenn im Rio de Janeiro der frühen Siebzigerjahre gefeiert und getanzt wird, ist dies ebenfalls die Zeit der brasilianischen Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 das Land beherrschte.

Hubschrauber rattern über das Meer, während Eunice ein Bad in den Wellen nimmt. Transporter mit bewaffneten Soldaten fahren die Copacabana entlang. An Straßensperren werden vermeintlich verdächtige Jugendliche drangsaliert, und schließlich steht die Geheimpolizei auch bei den Paivas vor der Tür.

Vor dem Militärputsch war Rubens Abgeordneter der Arbeiterpartei. Nun soll er auf den Polizeirevier verhört werden. „Ich bin zum Soufflé wieder da“ sagt Rubens zum Abschied, und das ist das letzte Mal, dass Eunice ihren Mann sieht. Schließlich werden sie und ihre ältere Tochter mit einem schwarzen Sack über den Kopf ebenfalls in die Verhörzentrale gebracht. Walter Salles verzichtet darauf, die Brutalität in direkten Gewaltszenen zu zeigen. Stattdessen behält er den Fokus auf die Wahrnehmung seiner Hauptfigur, die nachts die Schreie der Gefolterten hört und die Blutspuren auf dem Boden sieht.

Als Eunice nach über einer Woche aus dem Gefängnis entlassen wird, bleibt ihr Mann spurlos verschwunden. Die staatlichen Behörden bestreiten sogar seine Verhaftung. Aber Eunice hört nicht auf, nach dem Verbleib ihres Mannes zu suchen, und versucht gleichzeitig ihre Kinder, soweit es geht, vor der grausamen Wahrheit zu schützen. Auch als die Parteifreunde ihres Mannes fest davon ausgehen, dass Rubens ermordet wurde, kämpft sie mit allen juristischen Mitteln darum, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Die Geschichte von „Für immer hier“ beruht auf wahren Begebenheiten. Der Fall von Rubens Paiva ist in Brasilien sehr bekannt, da sich die Familie 25 Jahre lang unermüdlich darum bemühte, dass der Tod des ehemaligen Abgeordneten aufgeklärt wurde. Als Eunice und ihre Kinder am Ende die offizielle Sterbeurkunde in der Hand halten, ist das ein schwermütiger Sieg gegen das Vergessenwerden jener Menschen, die das Militärregime sang- und klanglos verschwinden lassen wollte.

Walter Salles („Central Station“), selbst ein Freund der Familie Paiva, erzählt die Geschichte mit einer großen Zärtlichkeit gegenüber seiner Protagonistin. Sein Film ist eine Ode an weibliche Resilienzfähigkeit, mütterliches Verantwortungsbewusstsein und Zivilcourage. Fernanda Torres, die als beste Schauspielerin in der Kategorie Drama mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde und auch für den Oscar nominiert war, gibt ihrer Figur Haltung und Würde, zeigt aber auch gleichzeitig in kurzen Momenten die zerstörerischen Kräfte, die hinter der Fassade der Gefasstheit wüten. Ihre Performance ist ein Meisterwerk des dramatischen Understatements, in dem die nuancierten Mikroemotionen eine ganz eigene, nachhaltige Wucht entwickeln.

Sie bettet sich ein in Salles empathischen, aber zurückhaltenden Regiestil, der das Pathos meidet, Gewaltszenen nicht ausformuliert und das Politische stets aus den persönlichen Emotionen der Figuren heraus erzählt. Manchmal besteht deren Widerstand auch nur aus einem einfachen Lachen. Als der Fotograf eines Magazins, das über das Verschwinden von Rubens Paiva berichten will, ein Familienfoto vor dem Haus aufnimmt, fordert er die Kinder auf doch etwas ernster in die Kamera zu blicken. „Er will uns traurig“ sagt Eunice zu den kichernden Kindern und befiehlt strahlend: „Alle lächeln!“

Für immer hier. Brasilien 2024, Regie: Walter Salles. Mit Fernanda Torres, Selton Mello, Valentina Herszage, 137 Minuten, ab 12 Jahren

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Erstellt:
14. März 2025, 14:24 Uhr

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