Florian Lukas spielt eine TV-Legende
„Ich hatte Angst, mich zu blamieren“
Der Schauspieler Florian Lukas als Hans Rosenthal ist preiswürdig. Im ZDF-Drama „Rosenthal“ spielt er den Kult-Moderator von „Dalli Dalli“ als perfekten Unterhalter – und als Mensch, der mit einer schrecklichen Vergangenheit zu kämpfen hatte. Gibt es Parallelen zu Heute?

© ZDF/Ella Knorz
Der Schauspieler Florian Lukas als Hans Rosenthal im ZDF-Film „Rosenthal“
Von Tilmann P. Gangloff
Das ZDF-Drama „Rosenthal“ verknüpft die Lebensgeschichte von Hans Rosenthal mit einem Schlüsseldatum: Ausgerechnet am Gedenktag zur „Reichspogromnacht“ soll der jüdische Moderator mit der Jubiläumsausgabe von „Dalli Dalli“ Frohsinn verbreiten. Schauspieler Florian Lukas erzählt, wie es ihm gelungen ist, sich die Rolle anzueignen, und wie der Moderator seiner Ansicht nach auf die aktuelle politische Entwicklung reagieren würde.
Herr Lukas, Hans Rosenthal war einer der beliebtesten westdeutschen Showmaster der 70er- und 80er Jahre. Wie groß war Ihr Respekt vor der Aufgabe, diesen Moderator zu verkörpern?
Mein Respekt war riesig. Ehrlich gesagt habe ich mir die Rolle anfangs nicht zugetraut. Ich hatte sogar Angst, mich zu blamieren. Ich habe „Dalli Dalli“ als Kind zwar nicht gesehen, aber mir war durchaus bewusst, dass Rosenthal nicht nur ein populärer TV-Moderator, sondern einer der bekanntesten Deutschen der Nachkriegszeit war. Jeder kann nachprüfen, wie er aussah, wie er sich bewegte, wie er auftrat.
Wie lange hat es gedauert, sich die Rolle anzueignen?
Tatsächlich einige Monate. Rosenthal war bekannt dafür, sich akribisch auf seine Sendungen vorzubereiten, und so habe ich es auch gehalten. Bei ihm hatte es vielleicht auch eine existenzielle Komponente. Nach den Erfahrungen im „Dritten Reich“, mit dem Verlust seiner jüdischen Familie und der Todesangst, mit der er jahrelang leben musste, hatte es für ihn eine ganz besondere Bedeutung, so exponiert in der Öffentlichkeit zu stehen und dann auch noch derart beliebt zu sein.
Wie sind Sie konkret vorgegangen?
Zunächst mal habe ich mir einige alte Ausgaben von „Dalli Dalli“ angeschaut und seine Autobiografie „Zwei Leben in Deutschland“ gelesen. Ganz wichtig waren auch Bücher über die westdeutsche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das Ausmaß an Verdrängung und Verschweigen war mir bis dahin gar nicht bewusst.
Rosenthal war wie Sie gebürtiger Berliner, Sie sind beide in Prenzlauer Berg aufgewachsen.
Tatsächlich sind mir die Straßen, die er in seiner Autobiografie nennt, alle aus meiner Kindheit vertraut. In habe einige der Orte, die er beschreibt, aufgesucht. Die Fabrik, in der er zum Zwangsarbeiter verpflichtet wurde, befindet sich um die Ecke meiner heutigen Wohnung. Ich war auch in der Kleingartenkolonie, in der er sich in den letzten beiden Kriegsjahren versteckt hat. Das alles hat mir ein Gefühl dafür gegeben, wie dieser Mann zu dem Entertainer geworden ist, den ich verkörpern sollte.
Besonders eindrucksvoll an Ihrer Darstellung ist eine zweite Ebene: Der Mann ist immer gut gelaunt und hat für jeden ein freundliches Wort, aber Sie lassen auch eine gewisse Melancholie durchschimmern. Wie spielt man das?
Entscheidend war in dieser Hinsicht die Aussage eines Weggefährten, der sich vor allem an Rosenthals traurige Augen erinnerte. In seiner Autobiografie schreibt er relativ unemotional über seine traumatischen Erlebnisse, aber irgendwo in seiner Psyche muss er diese Erfahrungen verborgen haben. Auch wenn sich das nicht vergleichen lässt: Ich habe in meinem Leben ebenfalls Dinge erlebt, die sehr traurig waren und die ich bei einem Film wie „Rosenthal“ dann weniger verstecken muss.
Für das ZDF ist der Film ein Prestigeprojekt, „Dalli Dalli“ ist einer der größten Showklassiker des „Zweiten“. Waren Sie überrascht, wie man dort über den eigenen Schatten gesprungen ist? Der Sender kommt rund um das Gedenken an die Pogrome im November 1938 nicht gerade gut weg.
Ich finde es respektabel, aber überrascht hat es mich nicht, schließlich ist unser Film eine gute Gelegenheit, sich im fiktionalen Bereich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es wäre absolut falsch gewesen, wenn es beim ZDF die Bestrebung gegeben hätte, sich in einem besseren Licht darstellen zu lassen. Außerdem würde dann der wichtigste Teil der Geschichte nicht mehr funktionieren, denn dann gäbe es den zentralen Konflikt nicht mehr: hier die erste öffentliche Gedenkveranstaltung am 9. November 1978, an der Rosenthal teilnehmen möchte, dort zur gleichen Zeit die Live-Übertragung der Jubiläumsausgabe von „Dalli Dalli“.
Anlass des Films ist Rosenthals Geburtstag vor 100 Jahren am 2. April, aber davon abgesehen könnte es angesichts der politischen Entwicklung keinen besseren Zeitpunkt geben. Wie hätte er darauf reagiert, dass so viele Deutsche eine rechtsradikale Partei wählen?
Das kann ich gar nicht einschätzen. Rosenthal war ein großer Verfechter der westdeutschen Demokratie und hat sich große Sorgen um ihre Stabilität gemacht. Allerdings war er auch sehr konservativ. Die radikale Rechte spielte damals eine kleinere Rolle als heute. Die aktuelle Entwicklung hätte er vermutlich als existenzielle Bedrohung empfunden. Er wäre bestimmt in die Öffentlichkeit gegangen, um von seiner Vergangenheit zu erzählen. Es war stets seine große Motivation zu zeigen, dass jüdische Menschen genauso sind wie alle anderen auch. Heute würde er hinzufügen, dass das selbstverständlich für alle Minderheiten gilt.
Der Film spricht eher Ältere an, die mit „Dalli Dalli“ aufgewachsen sind. Was kann der Film jungen Leuten bringen, für die 1978 ferne Vergangenheit ist?
Vielleicht inspiriert sie der Film dazu, sich zu hinterfragen: Wo stehe ich selbst in der Gesellschaft, welche Verantwortung könnte und sollte ich übernehmen? Wie verhalte ich mich gegenüber meiner eigenen Vergangenheit? Lebe ich vielleicht wie Rosenthal in der Illusion, prägende Bereiche meiner Persönlichkeit voneinander fernzuhalten? Wenn es uns gelingen sollte, dass sich die Menschen vom Inhalt des Films lösen und über ihre eigene Haltung zum Leben nachdenken, dann haben wir vielleicht etwas erreicht.
Der Schauspieler und die Geschichte
Preise Florian Lukas (52) hatte seinen endgültigen Durchbruch 1999 mit dem Freundschaftsdrama „Absolute Giganten“. Für seine Rolle im Kinofilm „Good Bye, Lenin!“ hat er 2003 den Deutschen Filmpreis bekommen, für „Weissensee“ (2011) und für „Mitten in Deutschland: NSU“ (2017) den Deutschen Fernsehpreis.
Ausgestrahlt Von heute an zeigt das ZDF „Rosenthal“ in seiner Mediathek. Ebenfalls dort zu sehen: die „Dalli Dalli“-Jubiläumsausgabe vom 9. November 1978 und die Doku „Hans Rosenthal – zwei Leben in Deutschland“, in der unter anderem die beiden Kinder zu Wort kommen. Die lineare Ausstrahlung folgt am 7. April um 20.15 Uhr. Hans Rosenthal Am 2. April wäre der 1987 an Krebs gestorbene Rosenthal 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass veröffentlicht die Bastei-Lübbe-Tochter Quadriga seine Autobiografie (1980) neu.