Stuttgarter Comictage

Lena Steffinger: Die Illustratorin, die Pflanzen explodieren lässt

Die Stuttgarter Illustratorin Lena Steffinger war schon für den Leibinger-Comicbuchpreis nominiert, hat zuletzt die Graphic Novel „Alles Gute“ veröffentlicht, zeichnet auch mal Veranstaltungen live – und zählt zum Team, das die Stuttgarter Comictage organisiert, die jetzt beginnen.

Die Illustratorin Lena Steffinger will mit ihrer Kunst neu über Dinge nachdenken.

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Die Illustratorin Lena Steffinger will mit ihrer Kunst neu über Dinge nachdenken.

Von Swantje Kubillus

Alle sieben Jahre wird Paradisen von einer Plage heimgesucht. Mal ist es eine Krankheit und mal ist es ein Geist. Die Bewohner der Stadt wissen nie was und auch nicht genau wann es passiert. Warme, helle Farben durchziehen diesen Comic-Band. Pflanzen scheinen zu explodieren. Eine lächelnde Sonne, die sich als Spinne verkleidet, trägt das Wort „Smile“ auf dem Rücken. Etwas scheint hier seltsam, alles scheint hier ungewiss.

Den Plot zu ihrem Comic „Alles Gute“, der 2024 erschien, entwickelte die Illustratorin Lena Steffinger während der Corona-Pandemie. Raffiniert verwebt die Stuttgarter Künstlerin darin Momente von Utopie und Dystopie mit den Erfahrungen von Angst und Rückzug. „Am liebsten arbeite ich an Buchprojekten, bei denen es im menschlichen Miteinander knirscht“, sagt die 35-Jährige. Ihre Kunst ermögliche ihr, anders über Dinge nachzudenken. Das sei für sie das Hauptmotiv gewesen, als Illustratorin zu arbeiten.

Ohne Zeichnen fehlt etwas

Nach dem Masterabschluss in Psychologie zog es Steffinger, die aus Markgröningen stammt und in Stuttgart lebt, noch einmal hinaus und zwar nach Hamburg an die Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Dort bekam sie einen der begehrten Plätze im Illustrationsstudiengang.

Schon immer habe sie gerne gezeichnet, erzählt Lena Steffinger. Doch der Mut fürs Illustratorinnen-Dasein kam erst später. Mit Psychologie entschied sie sich zunächst für etwas Vernünftiges: „Ich habe aber gemerkt, dass mir etwas fehlt. Das fühlte sich wie ein richtiger Mangel an. Ich wollte unbedingt das Zeichnen immer in meinem Leben haben“.

Lust aufs Komplexe

Spätestens nach der Veröffentlichung von „Alles Gute“ kamen dann auch vermehrt Aufträge für die talentierte Comic-Zeichnerin. Einen Sicherheitspuffer hat sie aber immer noch mit einem anderen Job. Allein vom Zeichnen kann sie noch nicht leben.

Die Erfahrungen aus dem Psychologiestudium bringt sie natürlich in ihre Zeichenkunst mit ein. Am liebsten seien ihr komplexe Themen, Dinge oder Gefühle, die sie nicht gleich verstehe, und erst ergründen muss. Für „Alles Gute“ recherchierte sie, wie Menschen mit Bedrohungen umgehen. Dann kamen erfundene Geschichten hinzu.

Graphic Recording beim Landespresseball

Als Illustratorin gehe es ihr nicht darum eindeutige Antworten zu geben, sondern um den kreativen Prozess. „Ich finde es angenehmer eine ungenaue und dafür vielleicht inspirierende Antwort zu finden“, sagt sie. So bleibe es assoziativ. Moral gibt sie keine vor. Am schönsten sei es, wenn die Leser die Antworten selbst finden.

Ein anderer Bereich, in dem Steffinger aktiv ist, ist das Graphic Recording. Zuletzt war sie damit beim Landespresseball vertreten. Auch bei der Internationalen Bodensee-Konferenz zeichnete sie schon. Wie man sich das vorstellen muss? Graphic Recording ist ein Live-Zeichenformat, bei dem sie die Ereignisse einer Veranstaltung auf einer Leinwand festhält. In mehreren Stunden entsteht dann ein großformatiges Bild. Das sei sehr anspruchsvoll, sagt sie, und verlange hohe Konzentration. Menschen, Worte und Eindrücke, die sich später in einer Illustration finden.

Zuerst entstehen kleine Figuren

Für ihre Projekte hat sie sich zuhause einen hellen Arbeitsplatz eingerichtet. Dort steht alles voller Stifte und Skizzenbücher. Zu Beginn einer neuen Geschichte entwickelt sie mithilfe von Dummies ein Gefühl für die verschiedenen Story-Elemente. Das sind kleine Figuren, kleine Köpfe. Das mache sie vor allem, um keine Blockade zu bekommen. Dabei entstehen unzählige Figuren in Miniatur.

Die legt sie dann in kleine Schächtelchen und holt sie bei Bedarf für eine neue Geschichte hervor. So gibt es in ihrem kreativen Akt quasi gar keine Lücke. Und die eine künstlerische Arbeit mündet dann in der nächsten.

KI statt Illustratoren?

Bei einem Auftrag über Mobilität entstanden neben Autos etwa auch kleine Tiere. „Auch wenn das nicht das Thema war, dachte ich, hier kann das passen. Warum nicht? Mobilität. Kleine Hunde, kleine Vögel.“ So ergibt sich eine bunte und neue Erzählung.

Wie in vielen kreativen Berufen sind die wirtschaftlichen Bedingungen auch bei den Illustratoren schwierig. „Bei den Produzierenden kommt wenig Geld an“, sagt Steffinger. Irgendwann treffe man jedoch eine Entscheidung. „Für mich war es die Freude, die ich selbst dabei empfinde und wie ich andere Leute damit berühren kann“, sagt sie.

Ein anderes Thema, das auch die Illustratoren umtreibt, ist KI. Problematisch sei das etwa, wenn öffentliche Aufträge von KI gemacht würden. Das Bildexpertentum, das man sich als Illustrator aufbaut, sei schon wichtig, sagt sie. „Als Mensch setze ich mich ständig damit auseinander, was ich abbilde, und was nicht. Eine Maschine macht das nicht.“

Unterschiedliches Verständnis von Comic

So achte sie zum Beispiel darauf, Körperformen oder Stereotype aufzubrechen, um die Realität nicht zu verzerren. In einer Illustration habe man immer die Möglichkeit, Menschen zu berühren, eine KI könne das nicht leisten.

Gibt es etwas, das ihr als Illustratorin in Stuttgart fehlt? In einer Stadt wie Hamburg habe man beispielsweise mehr Subkultur im Comic-Bereich, das sei gut fürs Netzwerk, findet Lena Steffinger. Dafür habe Stuttgart aber Potenzial, sagt sie, weil es viele Leute gibt, die sich mit Herzblut engagieren, wie beispielsweise die Vertreter des Literaturhauses oder der Stuttgarter Comictage. Viele kleine Veranstaltungen seien da schon hilfreich.

Das Verständnis für Comics in Stuttgart sei ihrem Eindruck nach sehr unterschiedlich, doch das mache es vielleicht auch wieder interessant für Neues. Als Comicschaffende komme sie hier jedenfalls sehr gut zu recht.

Lena Steffinger und die Stuttgarter Comictage

PersonDie Illustratorin und Psychologin Lena Steffinger hat in Heidelberg, Hamburg und Bologna studiert. 2020 wurde sie für den Leibinger Comicbuchpreis nominiert. Neben „Alles Gute“ (2024) hat sie noch „Alles in Bewegung“ (2022), „Monsteroma“ (2022) und „Der Strandsammler“ (2022) veröffentlich. Steffinger lebt und arbeitet in Stuttgart.

EventDie Stuttgarter Comictage (Comicjuju) finden in diesem Jahr erstmals im Frühjahr statt. Im Rahmen des Festivals gibt es eine Vielzahl an Veranstaltungen. Schwerpunktmäßig finden die meisten Lesungen und Gespräche in diesem Jahr am Samstag und Sonntag, 22. und 23. März, im Stuttgarter Literaturhaus statt. Am Freitag, 21. März, gibt es zudem einen französischen Abend im Institut Français. Eingerahmt werden die Comictage von einer Woche, die der gezeichneten Kunst gewidmet ist: Ausstellungen wie „Sudetenlove“ m Haus der Heimat und überraschende Perspektiven der Inneneinrichtung bei Smow („Möbel des Bösen“) einschließlich einer iBooklet-Release mit dem Stadtarchiv Stuttgart am Mittwoch, 19. März. Erstmals ist das ComicJuju auch an die Verleihung des Comicbuchpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung (Montag, 24. März) und das Nextcomic Festival aus Linz in Zusammenarbeit mit der Merz Akademie in Stuttgart (Freitag, 28. März) angebunden. Programm und Infos gibt es hier.

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Erstellt:
19. März 2025, 07:30 Uhr

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