Katastrophen und Morde
Germanwings zerschellt, Kind tot aufgefunden – Fluch über Le Vernet?
Ein Dorf der Tragödien: Die Festnahme der Großeltern im Fall Émile Soleil (2) ist nur das jüngste Kapitel in einer Serie erschütternder Ereignisse. Mit dunklen Geheimnissen dahinter?

© EFE FILE/Alberto Estevez
Erinnerungsstein in Le Vernet für die Opfer der Germanwings-Katastrophe.
Von Michael Maier
Das beschauliche Bergdorf Le Vernet im Südosten Frankreichs (Alpes de Haute Provence) kommt nicht zur Ruhe. Gerade erst wurden Großeltern, Onkel und Tante des zweijährigen Émile Soleil festgenommen, der hier im Sommer 2023 spurlos verschwand und tot aufgefunden wurde.
Es ist nur das jüngste Kapitel in einer Serie tragischer Ereignisse, die die 120-Seelen-Gemeinde heimsuchen. Manche Einwohner sprechen bereits von einem „verfluchten Dorf“.
Vor zehn Jahren – am 24. März 2015 – zerschellte hier der Germanwings-Flug 4U 9525 mit 150 Menschen an Bord an einem Bergmassiv. Der Co-Pilot Andreas Lubitz hatte das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht. Die nicht identifizierbaren sterblichen Überreste der Opfer wurden in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof von Le Vernet beigesetzt.
Emile in Le Vernet verschwunden
Acht Jahre später, im Juli 2023, verschwand der zweieinhalbjährige Émile Soleil während eines Urlaubs bei seinen Großeltern spurlos aus deren Garten. Monatelang suchten Ermittler vergeblich nach dem Jungen. Im Frühjahr 2024 fand eine Wanderin schließlich Émiles Schädel in der Nähe eines Weihers, etwa zwei Kilometer vom Ferienhaus entfernt.
Nun, ein Jahr nach dem Fund der sterblichen Überreste, gibt es eine überraschende Wende: Die Großeltern mütterlicherseits sowie zwei ihrer erwachsenen Kinder sind am 25. März vorläufig festgenommen worden – just zehn Jahre und einen Tag nach der Germanwings-Katastrophe. Grund dafür sind ein anonymer Brief sowie Blutspuren an einem Blumenkasten, der nahe der Dorfkapelle stand und inzwischen von der Gendarmerie abtransportiert wurde.
Emile (2) in Le Vernet getötet oder verunglückt?
Die Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass mindestens eine dritte Person in den Tod des kleinen Jungen verwickelt gewesen sein muss – und die Leiche offenbar beiseite geschafft wurde. Noch weiß keiner genau, was dem kleinen Emile zustieß, als er sich im Sommer 2023 in Obhut der Großeltern befand – in einem etwas heruntergekommenen Ferienhaus im Dorfkern von Le Vernet.
War es ein tragischer Unfall, der vertuscht werden sollte oder ein gewaltsames Tötungsdelikt? Die Gendarmerie ermittelt in alle Richtungen und setzt nun auf den Druck von Vernehmungen in Untersuchungshaft. Der Beschuldigte Großvater Philippe V. (59) ist Patriarch einer Familie mit zehn erwachsenen Kindern. Er wurde als „geschützter Zeuge“ bereits im Zusammenhang mit einer anderen Sache angehört.
Kindesmisshandlung im Internat Riaumont
Dabei geht es um die Misshandlung und den Missbrauch von Kindern im erzkatholischen Internat Riaumont im Norden Frankreichs (Pas-de-Calais). Dort herrschte mutmaßlich eine rechtsradikale Philosophie gepaart mit Pädophilie und Sadismus. Philippe V. hatte in den 90er Jahren als Laienbruder in Riaumont gearbeitet.
Laut der Zeitung „Le Parisien“ soll es zwischen den Großeltern und den Eltern des kleinen Enkels Emile Soleil Differenzen um Autorität und Erziehungsfragen gegeben haben. Dennoch gilt für Philippe V. bislang weiter die Unschuldsvermutung.
Zweimal Le Vernet
Bereits 2008 hatte ein Gewaltverbrechen die Gemeinde Le Vernet erschüttert: Die Café-Besitzerin Jeannette Grosos wurde damals von einem Gast brutal getötet. Bürgermeister François Balique will dennoch nichts von einem Fluch wissen: „Das sind Zufälle des Lebens.“
Nicht zu verwechseln ist die Alpengemeinde übrigens mit dem gleichnamigen Ort Le Vernet in den Pyrenäen (Département Ariège). Dort befand sich von 1939 bis 1945 ein berüchtigtes Internierungslager, in dem viele Antifaschisten aus aller Herren Länder ums Leben kamen oder dahinvegetieren mussten.