CD-Aufnahme mit Frieder Bernius
Passion mit „Freischütz“-Ton: Wenn Golgatha an die Wolfsschlucht grenzt
Frieder Bernius hat mit seinem Kammerchor Stuttgart und der Deutschen Kammerphilharmonie ein selten zu hörendes, aber hoch inspiriertes Passionsoratorium der Romantik aufgenommen: „Des Heilands letzte Stunden“ von Louis Spohr.

© G. Bublitz
Frieder Bernius lässt die Elemente wüten und das ewige Licht leuchten in Louis Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“.
Von Martin Mezger
Dieses düstere Fugenthema, mit dem sich die Ouvertüre durch schmerzliche Halbtonschritte windet: Da klingt das barocke Passionspathos der von herber Chromatik gegeißelten, mit dornigen Dissonanzen gekrönten Leidensmänner nach. Zumal eine aggressive Variante des Themas später den orchestralen Senf zum chorischen Spott über den Gekreuzigten dazugeben wird. Doch in Louis Spohrs Passionsoratorium „Des Heilands letzte Stunden“ von 1835 geht alles musikhistorische Echo in einer grundlegend veränderten Ästhetik auf: Die alten Tricks der zeichenhaften Klangembleme, der „sprechenden“ Tod- und Teufelsintervalle sind jetzt Momente einer Erhabenheit, die mit wuchtigen Bläserakkorden den Ewigkeitssound in die Eröffnungsfuge tönt. Frieder Bernius wölbt ihn machtvoll über die brütende Polyphonie, erzeugt eine dem Werk gemäße Spannung. Dessen Dramatik ist keine der dialogischen Konfrontationen, sondern der Musik selbst. Sie entfesselt Harmonien, bricht wie der Sonnenstrahl durchs finstere Gewölk, schwillt an zum Wüten der Elemente, als wäre sie die Stimme des Herrn aller Mächte und Gewalten. Sie ist aber die der Oper.
Jungfrau, Mensch und Bösewicht
In Folge der französischen Revolution hat sich geistliche Musik säkularisiert zur romantischen Oper, die religiöse Gehalte in zuvor undenkbarer Weise aufsog. Im „Freischütz“ etwa predigt ein Eremit Gnade und Vergebung nach Schuld und Sühne: ein christliches Lehrstück. Bei Spohr kehren die zu Opernfiguren verwandelten Andachtsbilder - die engelsgleiche Jungfrau, der schwache Mensch, der diabolische Bösewicht - zurück ins Religiöse. Sie heißen jetzt Maria, Petrus oder Judas. Doch die Oper werden sie nicht los, Golgatha grenzt an die Wolfsschlucht. Ist das schlimm? Nein, aufregend.
Spohrs Opus zählt zu den Versuchen des 19. Jahrhunderts, mit den Mitteln fortgeschrittener Musikdramatik religiöse Verbindlichkeit zu erzeugen. Vorbild sind die frei gedichteten Passionsoratorien des 18. Jahrhunderts. Textdichter Johann Friedrich Rochlitz nimmt sich gar die Freiheit einer Passion ohne Pilatus: Römer kommen nicht vor, die Hinrichtung Jesu ist eine innerjüdische Angelegenheit. Und der Text damit ein antisemitischer Skandal? Eher eine Kritik an religiösem Dogmatismus, die mit ihren großinquisitorenhaften Hohepriestern die christliche Unheilsgeschichte ebenso meinen könnte, wie sie traditionellen Antijudaismus mitschleppt.
Klarheit statt Weichzeichnerromantik
Spohrs Musik ist hoch inspiriert. Mit perfekter Balance, weder brüllend noch mickrig, und luzid wie immer konturiert der Kammerchor Stuttgart Dramatisches, lässt Ätherisches schweben und die auf Brahms vorausweisende Melodik leuchten. Den dynamischen Bogen spannen Bernius und die Deutsche Kammerphilharmonie mit Elastizität vom Schattierenden der dunklen Mixturen bis zu theatralischer Kraft: mit differenzierten Farbnuancen, Kante in den Kulminationen, Klarheit statt Weichzeichnerromantik.
Florian Sievers‘ lyrisch-empathischer Tenor passt bestens zur Erzählerrolle des Johannes, hier eine Art Conférencier im epischen Passionstheater. In die Rolle der Maria fließen magdalenenhafte Züge der Liebenden ein. Ihrem Mitleiden ist bei Johanna Winkel eine Dosis Schärfe beigemengt, Ausdruck menschlicher Tragik im leuchtenden Engelssopran. Thomas E. Bauer charakterisiert den Judas nicht durch dämonische Stimmgewalt, sondern durch die Verzweiflung, die sich in seine aufgewühlte, von rastlosen Orchesterfiguren begleitete Diktion frisst. Ganz anders der Gemütston des reumütigen Petrus (Arttu Kataja). Jesus selbst ist mit wenigen Worten und Maximilian Voglers Parsifaltenor kaum noch von dieser Welt. Das Drama spielt im Kopf der Hörer.
Louis Spohr: Des Heilands letzte Stunden. Frieder Bernius. Carus 83540. Zwei CDs.
Konzert Am 23. März, um 17 Uhr, führt Frieder Bernius mit dem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart in der Stuttgarter Markuskirche Mozarts Requiem und die Symphonie Funèbre von Joseph Martin Kraus auf.
Von Spohr zu Mozart
AufnahmeLouis Spohr: Des Heilands letzte Stunden. Johanna Winkel, Florian Sievers u.a. Kammerchor Stuttgart, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Frieder Bernius. Carus 83540. Zwei CDs.
KonzertAn diesem Sonntag, 23. März, führt Frieder Bernius mit dem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart in der Stuttgarter Markuskirche Mozarts Requiem und die Symphonie Funèbre von Joseph Martin Kraus auf. Beginn ist um 17 Uhr.