Neu im Kino: Remake des Disney-Klassikers

„Schneewittchen“ jetzt neu

Das Remake von „Schneewittchen“ ist zwar irgendwie modern, aber es bleibt am Ende doch zu sehr am Original kleben.

Feministisch unterwegs: Schneewittchen (Rachel Zegler)

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Feministisch unterwegs: Schneewittchen (Rachel Zegler)

Von Martin Schwickert

Mit der Neuvermarktung des eigenen Zeichentrick-Erbes im Realfilmformat ist Disney nun nach „Maleficent“ (2014), „Die Schöne und das Biest“ (2017) und „Arielle, die Meerjungfrau“ (2023) am Ursprung der eigenen Firmengeschichte angekommen. „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ war 1937 der erste abendfüllende Spielfilm der Walt Disney Studios, die bis dahin nur Cartoons im Kurzfilmformat produziert hatten. Die Adaption des Grimm’schen Märchens wurde mit einem Einspielergebnis von acht Millionen Dollar und 109 Millionen US-Zuschauern damals zum weltweit erfolgreichsten Tonfilm aller Zeiten – und bildete ökonomisch wie ästhetisch den Grundstein für den Aufbau des Disney-Imperiums.

Regisseur Marc Webb lehnt sich in seinem Remake visuell stark an die Zeichentrickvorlage an und unterzieht sie gleichzeitig inhaltlich einem Update. Vorbei die Zeit, in der Schneewittchen freudvoll trällernd mit dem Staubwedel in der Hand die ranzige Zwergen-Butze auf Vordermann brachte. Das neue Schneewittchen (Rachel Zegler) beweist feministische Führungsqualitäten, indem es die männlichen Mitbewohner zur hauswirtschaftlichen Selbstermächtigung anleitet. Der Prinz, der im Originalfilm echte Stalker-Qualitäten entwickelte, mutiert hier in einen Banditen (Andrew Burnap), der sich unter Schneewittchens Einfluss vom charmanten Nihilisten zum kämpferischen Idealisten wandelt. Nachdem er die Geliebte wach geküsst hat, zieht er mit ihr gemeinsam ins Feld für ein gerechtes Königreich. Am Ende sieht es fast so aus, als würde sich Schneewittchen in eine Grimm’sche Variante von Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ verwandeln. Aber statt mit Pfeil und Bogen besiegt die Prinzessin die Böse Königin (Gal Gadot), indem sie deren Soldaten mit Empathie und Humanismus gewaltlos auf ihre Seite bringt. Schließlich sind wir ja immer noch in einem Märchen mit traditionsreicher Happy-End-Garantie.

Wo bleibt der Sog?

Als die ersten Trailer von „Schneewittchen“ veröffentlicht wurden, ging das mittlerweile schon fast obligatorische, rassistische Kulturkampf-Rauschen durch die sozialen Medien, weil die Titelrolle mit der Latina-Schauspielerin Rachel Zegler besetzt wurde, die in Interviews die feministische Wandlung ihrer Figur beworben hatte. Wie schon bei „Arielle, die Meerjungfrau“ wurde die Hautfarbe der Hauptdarstellerin und die vermeintliche Wokeness des Unternehmens zum Angriffspunkt des Shitstorms, der mehr über den Zustand der US-Gesellschaft als über den Film aussagt.

Schaut man sich den Originalfilm von 1937 an, erscheint eine Modernisierung des Stoffes alternativlos. Eine Ein-zu-Eins- Realverfilmung des Märchens hätte heute wohl keine Chance. Das Problem von Webbs „Schneewittchen“ ist nicht seine Neuausrichtung, sondern fehlender visueller Drive. In ästhetischer Hinsicht entwickelt das Update nicht die notwendige Sogwirkung, weil es zu sehr am Original klebt. Die Pflege des Erbes und der Wunsch nach Modernisierung wollen sich hier nicht verbinden. Was im Film „Maleficent“ mit expressionistischer Verve hervorragend gelang, bleibt hier in einem unentschiedenen Konzept stecken. Auch Gal Gadot als Böse Königin kann mit Angelina Jolies als Schurkin nicht mithalten. Dabei lädt ihre Figur förmlich dazu ein, deren narzisstische Störung nicht nur im Spieglein an der Wand, sondern auch an der politischen Gegenwart amtierender Narzissten zu reflektieren.

Schneewittchen. USA 2025. Regie: Marc Webb. Mit Rachel Zegler, Gal Gadot. 109 Minuten. Ohne Altersbeschränkung

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Erstellt:
20. März 2025, 15:38 Uhr

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